Widersprüche in Würfelform

Erstellt von Uwe Klemens |

Jüterboger Wiesenschüler trotzen mit kreativen Ideen der Corona-Krise und verschönern mit einer Collage aus inhaltsschweren Würfeln gleichzeitig ihr Schulhaus

Ich bin auf meine Schüler unheimlich stolz“, schwärmt Kunstlehrerin Conny Schläppi so überschwänglich, dass auch die Corona-Maske nicht die Lachfalten in ihrem Gesicht gänzlich verdecken kann. Das Ergebnis des jüngsten Kunstprojektes ziert nun als Ergänzung vorheriger Projekte die Flure der Jüterboger Pestalozzi-Schule, die seit dem vergangenen Schuljahr Ausweichquartier für die Wiesenoberschule ist, deren Stammhaus derzeit saniert wird. „Der Kunst-Würfel“ hat die 53- Jährige das Projekt getauft, mit dem sie die einst von Mönchen entwickelte Mal- und Meditationstechnik des Zentangle aufgegriffen hat und den Schülern der Klassenstufe sieben näherbringen wollte. „Ich selbst war sofort davon begeistert und habe geahnt, dass es den Schülern ähnlich gehen würde“, schildert sie ihren ersten Impuls. Wie richtig sie mit ihrer Vermutung liegen würde, merkte sie schnell an der Kreativität, mit der sich die Schüler ans Werk machten. Ein in Kavalierperspektive gemalter Würfel in A4-Größe bestimmt die einheitliche äußere Form. Bei der Gestaltung des Würfel-Inneren waren die Mädchen und Jungen aufgefordert, Widersprüchliches nebeneinander zu stellen. Bei der Entscheidung, ob dabei rein formale Dinge wie grafische Kontraste und geometrische Formenspiele, oder auch emotionale Dinge dargestellt werden, hatten die Schüler freie Hand. „Das hat ziemlich viel Spaß gemacht, weil jeder genau das machen konnte, was ihm gerade einfiel“, beschreibt Philipp den Eifer, mit dem die Zwölf- und Dreizehnjährigen loslegten. Die am Ende von Schläppi zu einem großen Gesamtkunstwerk arrangierten Bilder sind nicht nur wegen ihrer Farbigkeit ein echter Hingucker geworden, sondern geben zugleich einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Erfahrungswelt heutiger Teenager an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsen werden und sind deshalb Kunst- und Sozialprojekt zugleich. Wie sie auf die Idee kam, ihren einsamen Wanderer von der Felsenklippe aus gleichzeitig hoch in die Wolken und hinab in die Leere schauen zu lassen, kann Veronique mit Worten nicht beschreiben. „Das ist mir eben einfach so eingefallen“, sagt die Zwölfjährige. „Für mich strahlt das Bild eine große Nachdenklichkeit aus“, springt ihr ihre Kunstlehrerin zur Seite. Auch Sophia hat sich mit der Gegenüberstellung von Tod und Leben, Himmel und Hölle, Engel und Teufel den Höhen und Tiefen des Seins zugewandt. „Ich mag Emojis und habe mich deshalb entschieden, Engel und Teufel in einen Kreis zu bringen“, beschreibt sie ihre Herangehensweise. Das heimische Aquarium ihres Vaters hat Sophie zu ihrem Bild inspiriert. Das satte Grün einer sommerlichen Wiese steht zum Tiefseeblau auf der anderen Seite ihres Würfels in schönem Kontrast. Mitschüler Jannek hat für seine Arbeit den Schicksalsmoment gewählt, in dem die böse Schlange den unschuldigen Frosch verschlingt. Ein Gesicht mit einem gierigen und einem entsetzten Auge verfolgt das Geschehen aus nächster Nähe. „Gesichter male ich oft“, erzählt der Zwölfjährige und zückt zum Beweis seinen Skizzenblock, der ähnliche Motive enthält. „Am Anfang war’s schwer, weil ich noch nicht wusste, was ich in meinen Würfel hineinmalen soll“, gesteht sein Schulkumpel Jason, der sich am Ende für eine kunstvoll gestaltete Wortspielerei mit den Markennamen seiner Kleidung entschied. Stolz haben einige der jungen Künstler zu Hause Fotos ihres Würfels und des Gesamtkunstwerks gezeigt und dabei viel Anerkennung erfahren. Dass wegen Corona im Moment niemand außer ihnen die großformatige Collage sehen kann, finden nicht nur sie, sondern auch ihre Kunstlehrerin schade.

 

Quelle: MAZ, Jüterbog, vom 11.11.2020, Autor: Uwe KLemens

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Foto: Uwe Klemens